Die Stadtbahnbögen unterm Hakenkreuz

„Es gibt Dinge in unserer gebauten Umwelt, die so selbstverständlich sind, dass man sie nicht mehr wahrnimmt.”

Dies gilt auch für die Wiener Stadtbahn, die Wiener Vorortelinie und die Verbindungsbahn. Nicht nur wurde die Immobilie von 473 Bögen und ihre Mieter nie durchgehend beschrieben, ausgespart wurde auch bislang ihr Schicksal während der Jahre 1938- 1945.

Die “Bürokratie des Bösen” vertrieb und enteignete penibel auch bei den Stadtbahnbögen. Doch die vorhandene Fachliteratur beschäftigte sich bislang sehr wenig mit dem Schicksal der Bögen und ihrer Mieter in den Jahren des NS Regimes.

Der Lehmann und die Stadtbahnbögen

Eine Quelle zeichnete jedoch jedes Jahr die Mieter und den Wechsel auf: Lehmanns Adressbuch. Diese Quelle war auch Anlass die Immobilie Stadtbahnbögen näher zu beleuchten. Es gab nicht nur Werkstätten, Lokale, und Lagerflächen, sondern auch Wohnungen. Skizzen, Pläne und Architekturzeichnungen gibt es sehr viele. Weniger zeitgeschichtliche Analysen und hier wieder die Lücken.

Markus Kaiser hingegen befasst sich in seiner Diplomarbeit „Die Geschichte der Wiener Verkehrsbetriebe von 1903– 1938”, wenn auch nur kurz, mit den Folgen des Anschlusses auf die Wiener Verkehrsbetriebe. Dabei wird auch erwähnt, dass die Stadtbahn von der durch die Nationalsozialisten allgemeinen Umstellung auf die Rechtsfahrordnung ausgenommen war. Die Arbeit zitiert Walter Farthofer, der dokumentierte, dass mindestens 95 Bedienstete der Wiener Verkehrsbetriebe aufgrund der Nürnberger Rassengesetzeentlassen oder frühzeitig pensioniert wurden. „Allein im Jahr 1938 wurden 42 jüdische Mitarbeiter entlassen und vier weitere pensioniert.“ Zurecht stellt Kaiser fest: „Die Zeit des Zweiten Weltkrieges der Wiener Straßenbahnen wäre ein weiteres Forschungsfeld, das leider noch nicht zur Gänze aufgearbeitet wurde.“

Weitere Gedenkpunkte

Ärzte des Rothschildspitals, darunter Dr. Margarethe Hilferding (zweite von links) und Dr. Viktor Frankl (Mitte), Wien um 1940 © DÖW

Das jüdische Spital am Währinger Gürtel 97

1869 gestiftet und benannt nach Freiherr Anselm Salomon von Rothschild. Das von k.k. Baurat Wilhelm Stiassny entworfene Spital wurde 1873 feierlich eröffnet. Mehrere sehr bekannte Ärzte waren hier tätig, unter ihnen Leopold Oser, Otto Zuckerkandl und Viktor Frankl. Frankl arbeitete hier von 1940 bis zu seiner Deportation 1942. In den Jahren 1938 bis 1945 wurde das Spital enteignet und in ein SS-Spital umgewandelt. Zu Kriegsende wurde das Gebäude durch Bomben schwer beschädigt. Nach Kriegsende gelang es einigen jüdischen Überlebenden mit Hilfe der Amerikaner, das Gebäude wieder so herzurichten, dass es als Auffanglager für jüdische Flüchtlinge dienen konnte. Es wurde das größte Lager für jüdische “Displaced Persons” in Wien. Nach der Auflösung des jüdischen Lagers 1954, fand es nochmals Verwendung für Flüchtlinge aus Ungarn 1956. Ende der 1950 Jahre verkaufte die Israelitische Kultusgemeinde das Gebäude an die Wiener Wirtschaftskammer. Diese ließ es 1960 abreißen und baute dort das Wirtschaftsförderungsinstitut der Wirtschaftskammer Wien (WIFI).

Währinger Friedhof

Auf Anordnung Josefs II wurde auf einem Grundstück in Währing, “außerhalb des Linienwalls,” neben dem katholischen auch ein jüdischer Friedhof angelegt. Da nach jüdischem Glauben Gräber weder aufgelassen, noch wiederbelegt werden dürfen, besteht der jüdische Friedhof, im Gegensatz zum katholischen, in Teilen bis heute. Die Nationalsozialisten zerstörten zwar Flächen des Friedhofs durch einen Löschteich, kamen aber nicht mehr dazu den Rest zu vernichten. Nach dem Krieg kaufte die Gemeinde Wien den entweihten Teil des Friedhofs und errichtete darauf Ende der 1950er Jahre einen Gemeindebau. Der erhaltene Teil des jüdischen Friedhofs liegt heute, einigermaßen versteckt, am östlichen Ende des Währingerparks.

Zwangsarbeiterlager am Bahnhof Michelbeuern, Währinger Gürtel 40

Im Hauptgebäude des Bahnhofs Michelbeuern wurden Unterkünfte für ausländische Zwangsarbeiter geschaffen. In den oberen zwei Geschossen befanden sich saalartige Räumlichkeiten, die als Massenquartier adaptiert wurden. Zwischen Juni 1942 und April 1945 waren hier 154 Männer aus Frankreich, Griechenland und Italien untergebracht, von Oktober bis Dezember 1944 auch die aus der Schule Kellinggasse ausgebombten Holländerinnen und Belgierinnen.

Bahnhof Michelbeuern

Veränderungen der Mietverhältnissein den Stadtbahnbögen in der NS-Zeit Beispiel Josefstadt

Dieser Abschnitt ist als Stichprobe zu einem umfangreicheren Forschungsvorhaben, das sich in der Grundgesamtheit mit den Enteignungen von Immobilien in der Josefstadt beschäftigt,entstanden. Im Zuge dieser Analyse trat die Forschungslücke über das Schicksal der Stadtbahnbögen in der NS-Zeit klar zutage. In der Josefstadt befanden, sich laut Lehmann, 19 Bögen mit Adresse Lerchenfeldergürtel und 32 Bögen mit Adresse Hernalsergürtel, insgesamt 51 Bögen. Eine Analyse der Änderung der Mietverhältnisse ergab: von 1933 bis 1938 waren es insgesamt 26 Änderungen der Mietverhältnisse, von 1939 bis 1942 gab es 46 Änderungen.

Erfassen -Erforschen – Vermitteln

Die Befassung mit den „verlorenen” Nachbarn auf der Grundlage des Wiener Adressbuches hat erstaunliche, bisher nicht erfasste Daten über Großimmobilie Stadtbahnbögen erbracht. Aber es genügt uns nicht nur zu erfassen und zu erforschen, die Ergebnisse müssen auch vermittelt werden. Ab 2008 veranstaltete der Verein „Steine der Erinnerung Josefstadt“ an zwei Sonntagen rund um den 9. November eine sogenannte „Nachschau“. Das waren etwa zweistündige Erinnerungswanderungen, nicht nur zu den Steinen, sondern insgesamt zu Gedenkstätten von Verfolgten.

Radtour der Erinnerung Teil 1:

Von der Lerchenfelderstrasse zum ehemaligem Jüdischem Spital am Währinger Gürtel 97

Start: Gürtelbogen 19, Lerchenfeldergürtel

Neben dem Gewölbe Nr.19 (‘Kebab Box’) an der Durchfahrt der Straßenbahnlinie 46 zwischen Thaliastraße und Neulerchenfelder Straße befindet sich ein breiter Fußgängerdurchgang. Hier könnten die am Gürtelradweg entlangkommenden Radfahrer durch den Durchgang zum Beginn der Gedenkstrecke entlang der Nebenfahrbahn am inneren Gürtel geleitet werden.

Die Stationen der Betriebe, die 1939 bis 1942 die Besitzer wechselten, werden beschrieben und im Podcast deren Geschichte erzählt. Darunter befindet sich die Gastwirtschaft Jarosch, das Möbelgeschäft Winter, das Eisgeschäft Enyedy Michael.

Die Nebenfahrbahn endet als Sackgasse beim Gewölbe Nr.41 direkt vor der Fußgänger-Wartefläche zur Straßenbahnlinie 2 im Durchfahrtsbereich dieser Linie unter der U6 im Bereich der Station ‘Josefstädter Straße’.

Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich im – vorerst letzten – Gewölbe Nr.42 das ‘Café Carina’. Dann folgen das U6 Stationsgebäude mit dem dahinter angeschlossenen ‘Obdach Josi’ Tageszentrum. Die Radtour folgt dann am äußeren Gürtel dem Gürtelradweg vom Bogen 49 bis zum Bogen 100.

Damit endet der Josefstädter Teil der Radtour. Weiter geht es zum Bahnhof Michelbeuern und endet beim ehemaligem Jüdischen Spital am Währinger Gürtel 97.

Die Audiofiles finden sich als eigener Beitrag auf der Homepage und können dort während der Tour an den einzelnen Stationen abgerufen werden.

Eine 24 seitige Broschüre ist für eine freiwillige Spende erhältlich.

Die Broschüre kann bei uns per email unter Angabe einer Zustelladresse bestellt werden:

erinnerung@steine08.wien

Freie Spenden bitte an:

Steine der Erinnerung Josefstadt

Bank Austria

IBAN: AT98 1200 0501 6601 7738

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